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Fünf Monate lang hat der Schriftsteller Martin Auer bei einer der größten Wiener Callgirl-Agenturen - deren Besitzerin inzwischen wegen mutmaßlichen Menschenhandels in Untersuchungshaft musste - als Fahrer gearbeitet. Er hat aufgeschrieben, was er dabei erlebt hat und was ihm die Mädchen während der Fahrt von einem Kunden zum anderen erzählt haben. Readers Edition veröffentlicht die Reportage in sechs Teilen. Zusammenfassung und Schlussfolgerungen Motivation und Zugang Die Motivation, sich als Callgirl zu betätigen, ist wie zur Zeit von Roland Girtlers Untersuchung „Der Strich“[i] das Geld. Waren es in den 80er Jahren noch Frauen aus der österreichischen Provinz, die nach Wien kamen, so sind es heute vor allem Mädchen aus Osteuropa und Afrika. Das enorme wirtschaftliche West-Ost- und Nord-Süd-Gefälle ist es in erster Linie, das die Frauen in die Prostitution treibt. Wenn eine Arbeiterin in einer deutschen Schuhfabrik in Rumänien unter 100 Euro im Monat verdient, eine Volksschullehrerin gar um die 50 Euro, dann braucht es gar keine Schlepperbanden und verbrecherischen Zuhälter, um den Nachschub an jungen Mädchen und Burschen zu garantieren. Unter den Frauen, die ich bei der Arbeit in der Agentur kennen gelernt habe, war etwa eine Kinderlogopädin aus der Slowakei, eine Volksschullehrerin aus Rumänien, eine Informatikerin aus Ungarn, eine Geigerin aus Bulgarien. Die meisten freilich kamen unmittelbar von der Schule oder waren vorher Verkäuferin, Kellnerin oder dergleichen oder hatten Arbeit gesucht und keine gefunden. Der typische Zugang zur Prostitution ist eigentlich der, dass ein Mädchen dem anderen erzählt, wie man im Westen einfach Geld verdienen kann. Natürlich kommen auch die oft in den Medien berichteten falschen Vorspiegelungen vor: einem Mädchen wird versprochen, sie könne einen Job als Tellerwäscherin oder Kellnerin bekommen. Doch die meisten Mädchen wissen von vornherein, worauf sie sich einlassen, auch wenn sie über einen Zuhälter oder eine Zuhälterin in das Gewerbe einsteigen. Zuhälter und Zuhälterinnen Am stärksten gewandelt hat sich die Rolle des Zuhälters. Zur Zeit von Girtlers Untersuchung brauchte eine Frau vor allem auf dem Straßenstrich einen Zuhälter, um überhaupt Zugang zum Strich zu bekommen. Der Zuhälter verschaffte ihr den Standplatz, fungierte als Beschützer, regelte Streitigkeiten mit anderen Dirnen oder deren Zuhältern, stellte den Kontakt zu Lokal- bzw. Bordellbesitzern her und war auch der Liebhaber, seelische Bezugsperson und das verwöhnte Aushängeschild für den Erfolg der Prostituierten[ii]. Diesem Zuhältertyp bin ich nicht mehr begegnet. Er ist überflüssig geworden. Um als Prostituierte zu arbeiten, braucht eine Frau heute keinen Zuhälter. Die Agenturen und Studiobetreiber übernehmen Organisation und Bewerbung des Geschäfts. Wenn sie neue Mitarbeiterinnen brauchen, inserieren sie. Die Rolle der osteuropäischen ZuhälterInnen besteht vor allem darin, den Mädchen den Weg in den Westen zu ebnen. Sie organisieren die Reise, strecken das Geld vor, das die Mädchen bei der Ausreise an der Grenze vorweisen müssen, beschaffen unter Umständen gefälschte Papiere und bringen die Mädchen zu den Agenturen oder Bars, wo sie sich vorstellen können, und beschaffen ihnen eine Wohnmöglichkeit. Dafür bekommen sie entweder einen bestimmten Prozentsatz, meistens 50%, der Einnahmen des Mädchens, oder die Mädchen müssen eine bestimmte vereinbarte Summe abbezahlen. Berichtet wurde von Summen zwischen 700,- und 5.000,- Euro. Zur Zeit meiner Untersuchung waren es vor allem rumänische Mädchen, die unmittelbar unter der Kontrolle eines Zuhälters oder einer Zuhälterin standen. Die Polinnen, Slowakinnen, Ungarinnen etc. waren meist unabhängig. Diese rumänischen Mädchen wohnten mit dem Zuhälter oder der Zuhälterin gemeinsam in einer Wohnung, mussten also zusätzlich noch Miete an ihre Zuhälter zahlen und wurden unterschiedlich streng kontrolliert. Wenn sie von einem Job direkt zu einem Anschlussjob fuhren, mussten sie sofort telefonisch Bescheid geben. Die Zuhälter sind so über die Anzahl der Jobs und die Einnahmen der Mädchen informiert. Natürlich können sie nicht genau wissen, wie viel das Mädchen für Extras oder als Trinkgeld bekommen hat und so ergeben sich für die Mädchen Möglichkeiten, etwas mehr für sich selbst zu behalten. Das wichtigste Druckmittel, das die Zuhälter gegen die Mädchen anwenden, ist die Drohung, die Familie über ihre wahre Tätigkeit zu informieren. Die Mädchen, die als Touristin einreisen, müssen nach drei Monaten das Land wieder verlassen und sollten eigentlich erst nach drei weiteren Monaten wieder einreisen dürfen. Meistens ist eine frühere Einreise, z.B. nach einer oder zwei Wochen, problemlos möglich. So treten also die meisten Mädchen alle drei Monate einen kürzeren oder längeren Heimaturlaub an. Dieser bietet oft eine Möglichkeit, sich der Kontrolle des Zuhälters zu entziehen oder ganz aus der Prostitution auszusteigen. Gelegentlich habe ich gehört, dass Agenturinhaber Mädchen geholfen haben, sich ihren Zuhältern zu entziehen. Auch die Chefin der von mir untersuchten Agentur wäre dazu bereit gewesen. Eine direkte Flucht ist durchaus auch möglich gewesen.